Das Interview mit Negão

Negão will von der Strasse weg, sein eigenes Leben leben

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Es braucht viel Zeit und Geduld, damit die Jugentlichen wieder zurück finden

Negão ist mit 10 Jahren auf die Strasse gegangen, heute ist er 18 Jahre alt. Er hat versucht, seine Drogensucht in einem ambulanten Therapieprogramm zu bekämpfen, schaffte es aber nicht, regelmässig zu den Therapiestunden zu kommen. Dann lernte er ein Strassenmädchen aus einem anderen Teil der Stadt kennen und wurde fortan nicht mehr gesehen.

Negão:

An was ich mich erinnere, als ich klein war? Ich bin aus dem Haus, mein Vater, meine Mutter schlugen mich viel. Ich bin von zu Hause weg. Ich habe angefangen zu rauchen. Fing an, Drogen zu nehmen, ich fing an, immer wieder von zu Hause zu fliehen. Mein Vater suchte mich auf der Strasse, er rannte, um mich wieder nach Hause zu holen. Dann fing ich an, auf der Strasse zu schlafen, Crack zu nehmen, Haschisch zu nehmen, Kleber und Kokain.

Streetworker:

Aber warum bist du von zu Hause weg?

Negão:

Wegen den vielen Schlägen, ich wurde viel von meinen Eltern geschlagen, also ging ich von zu Hause weg. Meine Grossmutter starb, dann bin ich von einem Ort zum anderen, meine Mutter wollte mich nicht im Haus. Wer mich zu Hause wollte, war nur meine Großmutter.

Streetworker:

Als du das letzte Mal zu Hause warst, haben sie dich da gut aufgenommen?

Negão:

Als meine Grossmutter verstarb, bin ich nach Hause gegangen. Meine Mutter meinte: 'Zieh ab, du bist nicht von mir grossgezogen worden." Ich sagte: "Alles klar" und ging. Ich blieb auf der Strasse, dann ging ich mal wieder nach Hause, lebte wieder auf der Strasse, ging nach Hause, war einen Tag auf der Strasse, einen zu Hause, und bis heute mag sie mich nicht.

Streetworker:

Hat sie das zu dir gesagt?

Negão:

Nein, sie hat es nicht gesagt, aber sie zeigt, dass sie mich nicht mag, Tante. (...)

Streetworker:

Und als du mit 10 Jahren auf die Strasse gegangen bist, bist du dann hierher gekommen, oder wo bist du hin?

Negão:

Ich bin in der Nähe von zu Hause geblieben, dort in der Nähe. Danach lernte ich diese Gegend kennen, kam öfter hierher, mochte es hier und blieb hier. Ich ging in die Innenstadt, dann hierher. Und bis heute bin ich auf der Strasse.

Streetworker:

Aber hattest du gar keine Angst? Mit 10 Jahren, noch so klein und schon auf der Strasse?

Negão: (schüttelt den Kopf)

Ich bin schon viel geschlagen worden, aber ich habe dazugelernt.

Streetworker:

Was hast du denn auf der Strasse gelernt?

Negão:

Ich habe gelernt, nicht wahr, Tante!? Zum Beispiel, wie es so läuft und wie es nicht läuft, und so lebe ich mein Leben, nicht wahr!?

Streetworker:

Aber was ist das, was man lernen muss? Für jemanden wie mich, die ich nie auf der Strasse gelebt habe? Was sind das für Sachen, die man lernen muss.

Negão:

Einzustecken, Drogen zu nehmen, zu stehlen. Ich und die Jungs, ...der schlechte Einfluss.

Streetworker:

Muss man denn Drogen nehmen, wenn man auf der Strasse ist?

Negão: (nickt mit dem Kopf)

Streetworker:

Warum?

Negão:

Weil mich meine grösseren Freunde dazu gezwungen haben.(...) "Auf, rauch das", und so weiter, sie zwingen einen. Ich wurde süchtig.

Streetworker:

Und was nimmst du heutzutage?

Negão:

Crack, ab und zu. Ich schnüffle Kleber. Ich habe aber nie wieder Haschisch geraucht.

Streetworker:

Und jetzt in diesem Projekt, willst du dich wirklich von deiner Sucht befreien?

Negão:

Ja.

Streetworker:

Und danach? Was erträumst du dir? Was willst du in Zukunft machen?

Negão:

Ich denke daran, einen Kurs zu machen, ein Haus zu mieten, ich will von der Strasse weg, mein Leben leben, mein Leben leben, eine Frau haben, meine Kinder, und mein Leben leben.

Streetworker:

Hast du denn eine Freundin hier auf der Strasse?

Negão:

Nein.

Streetworker:

Hattest du aber schon?

Negão:

Ja, aber das wurde nichts.

Streetworker:

Warum nicht?

Negão:

Sie wollte nichts vom Leben. (...)

Streetworker:

Hast du denn richtige Freunde hier auf der Strasse, denen du vertrauen kannst?

Negão:

Vertrauen? Wie das?

Streetworker:

Naja, bei denen du dich aussprechen kannst, deine Sachen erzählen kannst, denen du vertraust.

Negão:

Nein, das habe ich nicht.

Biographisches, Interviews (Text: Joana Stümpfig, Strassenkinderreport)


Es braucht viel Zeit und Geduld, damit die jungen Menschen wieder zurück in die Gesellschaft finden. Die Streetworker von Ruas e Praças unterstützt sie dabei.

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